Madeleine Dietz: Stufenweg

Textbeitrag  Andreas Mertin

Paderborn 1999

pavimentum,
 quod pedibus calcatur, vulgus est,
cuius laboribus ecclesia sustentatur
(Bischof Sicardus, 1155-1215)

Die zentrale Arbeit von Madeleine Dietz in der Paderborner Abdinghofkirche eröffnet einen erdgebundenen Weg, der im Kirchenschiff beginnt, dann die Stufen hinaufführt und bei Altar endet. Wo traditionell ein strapazierfähiger Teppich liegt, bedecken während der Ausstellung nun getrocknete, geschichtete und zugleich fragil erscheinende Erdstücke den Boden. Das verändert sowohl den Blick wie auch den Zugang zum Altar und zum Chor der Kirche radikal. Während ein Teppich wie ein Gebrauchsgegenstand wahrgenommen und genutzt wird, ist das bei diesen sorgsam geschichteten Erdstücken anders. Sie führen zu einer Irritation im Raumgefüge und man ist versucht, einen anderen Zugang zu wählen. Nie­mand betritt ohne weiteres diese Installation, der Weg zum Altar wird durch sie sowohl gebrochen als auch betont. In der Perspektive der Gottesdienstbesucher, die unten im Kirchenschiff sitzen, erwächst nun der Altar, ähnlich wie es der Prophet Hesekiel in einer seiner Visionen schildert, „aus dem Schoß der Erde“. 

Der Bischof von Cremona, Sicardus, war im Hochmittelalter einer der wenigen, der in seinen Schriften klar sein Interesse an der Kunst in der Kirche bekundet hat. Ein Teil seines liturgischen Traktats Mitralis ist der Ausschmückung der Kirchen gewidmet und seine besondere Aufmerksamkeit gilt den Skulpturen. Sie, so erklärt er uns, werden nicht nur als Schmuck der Kirchen gemacht, sondern auch, weil sie dazu dienen, an die vergangenen Dinge zu erinnern und Hinweise auf die gegenwärtigen und die zukünftigen zu liefern. Sicardus spricht in seinen Schriften auch vom Fußboden der Kirche, der in einer besonderen Beziehung zu den Besuchern stehe, denn, wie er anspielungsreich erklärt, „der Boden, der mit Füßen getreten wird, ist das Volk, dessen Arbeit die Kirche trägt.“

Der Fußboden einer Kirche erschließt traditionell den Weg von der Tür (d.h. von der Außenwelt) hin zum Altar (dem „Zentrum“ der Kirche), er trägt das Geschehen in der Kirche. Zugleich ist er jedoch, wie der italienische Kunsthistoriker Salvatore Settis betont, der demütigste Teil des Gebäudes. Das hat seinen Grund darin, daß Christus, ansonsten ein beliebtes Motiv der Kunstgeschichte, hier nicht dargestellt werden konnte, da ihn sonst die Besucher der Kirche mit Füßen getreten hätten. Der Ausschluß jeder Darstellung von Begebenheiten aus dem Leben Jesu zwang die Künstler in vergangenen Zeiten, den „erhabenen Stil“ zu meiden und das Material im „demütigen Stil“ zu bearbeiten. Der Fußboden einer Kirche stellte also für die Künstler immer schon eine besondere Herausforderung dar. Als Beispiel einer phantasievollen Gestaltung eines derartigen Bodens ist nahezu vollständig ein Mosaik im Dom von Otranto in Süditalien erhalten. Es wurde 1163-1165 von einem Priester namens Pantaleone gelegt und ist die umfassende Umsetzung eines religiösen Bildprogramms, bei dem der Besucher die eigene Heilsgeschichte ebenso wie die Geschichte der Menschheit sinnbildlich von den ersten bis zu den letzten Dingen erwandert.

So ausgezeichnet sind die Wege zum und vom Altar nur noch in seltenen Fällen, in der Regel sind sie heute mit einem einfachen Teppich belegt. Der „Weg ins Leben“ des wandernden Gottesvolkes ist von betonter Schlichtheit. Auch die Installation von Madeleine Dietz wahrt diese Schlichtheit, aber sie macht gerade darin eindringlich auf die Materialität des Weges aufmerksam, indem sie die Erdgebundenheit, die man sonst allzu leicht übersieht, plastisch werden läßt und damit zugleich physisch wahrnehmbar macht. Religiöse wie ästhetische Erfahrungen sind nie abstrakt, sie geschehen konkret. Wir müssen sowohl religiöse wie ästhetische Räume betreten, sie begehen oder umschreiten, um Erfahrungen zu machen. Wer den Stufenweg von Madeleine Dietz begeht oder umschreitet, kann die komplexe Beziehung zum Raum, zur Geschichte, die er verkörpert, am eigenen Leib und mit eigenen Sinnen erfahren, vielleicht verändert er seinen Standpunkt auch und betrachtet seine Umgebung in neuer Perspektive.